Warren Buffett nannte ihn den eigentlichen Architekten von Berkshire Hathaway, doch Charlie Mungers Weg begann zwischen den Regalen eines Lebensmittelladens in Omaha.
- Charlie Munger war Vize-Vorsitzender von Berkshire Hathaway
- Sein Anlageprinzip: herausragende Unternehmen zu fairen Preisen kaufen
- Geduld, langfristiges Denken und die Vermeidung kostspieliger Fehler gehörten zu seinen wichtigsten Lehren
Als Charlie Munger am 28. November 2023 starb, verlor Berkshire Hathaway einen Mann, der die Entwicklung des Konzerns entscheidend mitgeprägt hatte. Warren Buffett bezeichnete ihn später als den eigentlichen Architekten des Unternehmens – und das aus gutem Grund: Munger hatte ihn davon überzeugt, nicht länger vor allem nach billigen Aktien zu suchen, sondern lieber in herausragende Unternehmen zu investieren, auch wenn diese ihren Preis hatten. Aus dieser veränderten Sicht auf Geldanlagen erwuchs eine Partnerschaft, die sich über Jahrzehnte bewährte. Von 1965 bis 2023 stieg der Marktwert je Berkshire-Aktie im Schnitt um 19,8 Prozent pro Jahr, während der S&P 500 einschließlich Dividenden auf 10,2 Prozent kam. Über den gesamten Zeitraum entspricht das einem Zuwachs von mehr als 4,3 Millionen Prozent bei Berkshire, verglichen mit gut 31.000 Prozent beim Index. Munger, der 45 Jahre lang Vize-Vorsitzender war, erlebte diesen Erfolg bis kurz vor seinem 100. Geburtstag. Als er starb, schätzte Forbes sein Vermögen auf rund 2,7 Milliarden US-Dollar.
Vom Lebensmittelladen in Omaha an die Harvard Law School
Charles Thomas Munger wurde am 1. Januar 1924 in Omaha im US-Bundesstaat Nebraska geboren. Als Jugendlicher arbeitete er im Lebensmittelladen “Buffett & Son”, der Warren Buffetts Großvater Ernest Buffett gehörte. Dort kam er bereits mit dem Umfeld seines späteren Geschäftspartners in Berührung, doch kennengelernt haben sich die beiden erst Jahrzehnte später: Buffett war fast sieben Jahre jünger als Munger.
Munger begann ein Mathematikstudium an der University of Michigan, brach es jedoch ab, um im Zweiten Weltkrieg beim Army Air Corps zu dienen. Dort wurde er am California Institute of Technology zum Meteorologen ausgebildet. Nach dem Krieg entschied er sich für die Rechtswissenschaften und wurde trotz fehlenden abgeschlossenen Grundstudiums an der Harvard Law School zugelassen, die er 1948 mit Magna cum Laude abschloss. Anschließend ließ er sich als Anwalt in Kalifornien nieder und gründete 1962 in Los Angeles die Kanzlei Munger, Tolles & Olson mit.
Seine Begegnung mit Warren Buffett im Jahr 1959 sollte Mungers berufliche Laufbahn langfristig in eine andere Richtung lenken. Er war zur Beerdigung seines Vaters nach Omaha gereist und lernte Buffett bei einem Abendessen kennen. Zunächst blieb er der Juristerei treu, beschäftigte sich aber zunehmend mit Geldanlagen. 1965 gab er schließlich seinen Anwaltsberuf auf, um sich ganz dem Investieren zu widmen – und legte damit den Grundstein für seine spätere Rolle bei Berkshire Hathaway.
Hohe Renditen, aber auch schwere Verluste
Seine ersten Erfolge als Investor hatte Munger schon vor der Zusammenarbeit mit Buffett vorzuweisen. Bereits 1962 gründete er gemeinsam mit Jack Wheeler die Investmentgesellschaft Wheeler, Munger & Co. In seinem Aufsatz “The Superinvestors of Graham-and-Doddsville” aus dem Jahr 1984 verwies Buffett auf die außergewöhnliche Bilanz der Partnerschaft: Von 1962 bis 1975 erzielte sie demnach eine durchschnittliche jährliche Rendite von 19,8 Prozent. Der Dow Jones legte im selben Zeitraum dagegen nur um 5,0 Prozent pro Jahr zu.
Allerdings verlief die Entwicklung keineswegs geradlinig. Während der Baisse von 1973 und 1974 verlor Mungers Partnerschaft laut Buffetts Aufstellung in beiden Jahren jeweils rund ein Drittel ihres Werts. 1975 löste Munger die Gesellschaft auf. Die Rückschläge zeigen, dass selbst eine überdurchschnittliche langfristige Rendite mit erheblichen Verlusten in einzelnen Marktphasen einhergehen kann. Zugleich entwickelte Munger seine Vorstellungen davon weiter, worauf es beim Investieren ankommt – und entfernte sich damit zunehmend von der klassischen Schnäppchenstrategie, die Buffett bei seinem Lehrer Benjamin Graham gelernt hatte.
Wie Munger die Berkshire Hathaway-Aktie prägte
Als Buffett 1965 die Kontrolle über den angeschlagenen Textilhersteller Berkshire Hathaway übernahm, war noch nicht abzusehen, dass daraus einmal eine der bedeutendsten Beteiligungsgesellschaften der Welt werden würde. Munger riet ihm nach Buffetts Darstellung im Aktionärsbrief für 2023 noch im selben Jahr, nie wieder ein Unternehmen wie Berkshire zu kaufen. Stattdessen solle er herausragende Unternehmen zu fairen Preisen erwerben, anstatt mittelmäßige Firmen allein deshalb zu kaufen, weil sie besonders günstig erschienen. Der Rat markierte eine entscheidende Abkehr von der reinen Schnäppchenjagd und rückte die Qualität eines Geschäftsmodells ins Zentrum der Anlageentscheidung.
1978 wurde Munger Vize-Vorsitzender von Berkshire Hathaway und blieb es bis zu seinem Tod. Von 1984 bis 2011 führte er zudem die Tochtergesellschaft Wesco Financial als Chairman und CEO. Sein Einfluss auf Berkshire ging weit über einzelne Anlageentscheidungen hinaus: Er prägte die Grundsätze, nach denen Buffett Unternehmen auswählte, bewertete und häufig über Jahrzehnte im Portfolio hielt.
Im Rückblick beschrieb Buffett die Aufgabenverteilung mit einem Bild aus der Baubranche: Munger sei der Architekt des heutigen Berkshire gewesen, er selbst der Generalunternehmer, der den Entwurf Tag für Tag umgesetzt habe. Damit brachte Buffett auf den Punkt, wie sehr Mungers analytischer Ansatz die Entwicklung des Konzerns beeinflusst hatte.
Costco und BYD: Mungers bekannteste Einzelwetten
Auch außerhalb von Berkshire setzte Munger auf Unternehmen, deren Geschäftsmodell ihn langfristig überzeugte. Besonders deutlich wird das bei Costco Wholesale, wo er nicht nur investiert war, sondern über Jahrzehnte auch im Verwaltungsrat saß. 1997 bot der Großhändler zunächst Buffett einen Sitz in dem Gremium an. Dieser lehnte ab und schlug stattdessen Munger vor, der dem Verwaltungsrat bis zu seinem Tod angehörte und zu den größten Einzelaktionären zählte. Seine privaten Costco-Aktien wollte er nach eigenen Worten nie verkaufen. Berkshire dagegen trennte sich 2020 von seiner Beteiligung.
Noch spektakulärer entwickelte sich Mungers Investment in den chinesischen Batterie- und Autohersteller BYD. Auf sein Drängen hin kaufte Berkshire im September 2008, mitten in der Finanzkrise, 225 Millionen Aktien für rund 232 Millionen US-Dollar. Den Kontakt hatte Li Lu hergestellt, der Gründer von Himalaya Capital. Ende 2021 war das Paket rund 7,7 Milliarden US-Dollar wert. Ab August 2022 baute Berkshire die Beteiligung schrittweise ab; im September 2025 bestätigte der Konzern schließlich den vollständigen Ausstieg.
Neben seinen Investments übernahm Munger auch unternehmerische Verantwortung in anderen Bereichen. Von 1977 bis 2022 war er Chairman der Daily Journal Corporation, eines Zeitungsverlags aus Los Angeles, der ein eigenes Aktienportfolio verwaltete. Darüber hinaus unterstützte er Bildungseinrichtungen mit erheblichen Spenden. Für ein Studierendenwohnheim an der University of California in Santa Barbara soll er rund 200 Millionen US-Dollar zugesagt haben.
Mentale Modelle und Umkehrdenken
Munger war nicht nur als Investor bekannt, sondern auch für seine Art, Probleme zu durchdenken. Er hielt wenig davon, Entscheidungen ausschließlich aus der Perspektive eines einzigen Fachgebiets zu treffen. Wer die Welt verstehen wolle, müsse vielmehr Erkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen miteinander verbinden – von Psychologie und Mathematik über Ökonomie und Physik bis hin zur Biologie. In einem Vortrag an der University of Southern California im Jahr 1994 beschrieb er diesen Ansatz als ein Gitterwerk mentaler Modelle, mit dessen Hilfe sich komplexe Zusammenhänge besser erfassen lassen.
Ein weiteres wichtiges Werkzeug war für Munger das Umkehrdenken. Statt nur zu überlegen, wie sich ein Ziel erreichen lässt, sollte man zunächst fragen, was mit großer Wahrscheinlichkeit zum Scheitern führen würde, und genau diese Fehler vermeiden. Dabei berief er sich auf den Mathematiker Carl Gustav Jacobi, der dafür plädierte, Probleme auch von der entgegengesetzten Seite zu betrachten. Auf Anlageentscheidungen übertragen bedeutet das, nicht nur die möglichen Gewinne einer Investition abzuwägen, sondern sich ebenso mit den Risiken und den eigenen Fehleinschätzungen auseinanderzusetzen.
Wie stark psychologische Einflüsse unser Urteil verzerren können, erläuterte Munger 1995 in seiner Rede über die Psychologie menschlicher Fehlurteile an der Harvard University. Darin beschrieb er den sogenannten Lollapalooza-Effekt: Mehrere psychologische Kräfte können gleichzeitig in dieselbe Richtung wirken und sich gegenseitig verstärken. An der Börse kann das beispielsweise passieren, wenn Herdentrieb, Selbstüberschätzung und die Angst, eine vermeintliche Chance zu verpassen, zusammenkommen und Anleger zu überhasteten Entscheidungen verleiten.
Was Anleger von Charlie Munger lernen können
Wer verstehen will, was Charlie Munger als Investor auszeichnete, muss vor allem auf seinen Blick für Unternehmen schauen. Während klassische Schnäppchenjäger nach Aktien suchen, die deutlich unter ihrem geschätzten Wert gehandelt werden, interessierte Munger sich zunehmend für die Qualität des Geschäfts dahinter. Ein Unternehmen mit starken Wettbewerbsvorteilen, verlässlichen Erträgen und guten langfristigen Aussichten durfte durchaus mehr kosten als eine Firma, deren Aktie nur auf den ersten Blick günstig erschien. Für Buffett wurde dieser Gedanke zu einem der wichtigsten Impulse seiner gesamten Anlagekarriere.
Allerdings genügt es nicht, ein gutes Unternehmen zu finden. Anleger müssen auch bereit sein, dessen Entwicklung über Jahre zu begleiten, statt bei jeder Kursschwankung die Strategie zu wechseln. Mungers Beteiligungen an Costco und BYD zeigen, welche Chancen ein solcher Anlagehorizont eröffnen kann. Wer früh in ein Unternehmen investiert und lange beteiligt bleibt, gibt dem Zinseszinseffekt Zeit, seine Wirkung zu entfalten. Geduld allein macht allerdings noch keine erfolgreiche Anlage aus: Wenn sich die wirtschaftlichen Aussichten eines Unternehmens grundlegend verschlechtern, sollte auch die eigene Einschätzung auf den Prüfstand.
Dass selbst ein überzeugender Ansatz keine stetigen Gewinne garantiert, erlebte Munger mit seiner Investmentgesellschaft in den 1970er-Jahren, als sie innerhalb von zwei Jahren jeweils rund ein Drittel ihres Werts verlor. Solche Rückschläge gehören zum Investieren dazu und lassen sich nicht immer vermeiden. Umso wichtiger ist es, Risiken realistisch einzuschätzen und das eigene Depot so aufzustellen, dass Verluste nicht zu finanziellen Engpässen führen. Wer mit geliehenem Geld investiert, läuft Gefahr, Positionen gerade dann verkaufen zu müssen, wenn die Kurse besonders stark gefallen sind.
Munger selbst setzte häufig auf wenige Unternehmen, von deren Geschäftsmodell er besonders überzeugt war. Seine Erfolge machen diesen konzentrierten Ansatz reizvoll, doch er lässt sich nicht ohne Weiteres auf Privatanleger übertragen. Je weniger Aktien ein Depot enthält, desto stärker wirkt sich eine einzelne Fehleinschätzung aus. Wer nicht über das nötige Wissen und die Zeit verfügt, einzelne Unternehmen gründlich zu analysieren, fährt mit einer breiteren Streuung in der Regel besser.
Am unmittelbarsten lässt sich Mungers Denken vielleicht mit einer Frage in die eigene Anlagepraxis übertragen: Was könnte dazu führen, dass sich dieser Kauf als Fehler erweist? Statt nur nach Argumenten für eine Aktie zu suchen, lohnt es sich, mögliche Schwachstellen des Geschäftsmodells, überzogene Erwartungen und die eigenen Denkfehler zu prüfen. Gerade an der Börse, wo sich Anleger leicht von steigenden Kursen, der allgemeinen Euphorie oder der Angst vor einer verpassten Chance mitreißen lassen, kann dieser Perspektivwechsel entscheidend sein. Munger wollte nicht jede Entwicklung vorhersehen, sondern vermeiden, an vermeidbaren Fehlern zu scheitern.
Sein Vermächtnis ist deshalb weniger eine Sammlung von Börsenregeln als eine bestimmte Haltung zum Investieren: genau hinsehen, unabhängig urteilen und nicht vorschnell handeln. Munger wusste, dass sich weder Märkte noch Unternehmen zuverlässig vorhersagen lassen. Umso mehr kam es ihm darauf an, die eigenen Entscheidungen auf solide Überlegungen zu stützen und den Fehlern aus dem Weg zu gehen, die sich mit etwas Disziplin vermeiden lassen.
Claudia Stephan, Redaktion finanzen.net
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