Amazon koppelt mögliche Aktienoptionen bei 3M an Zahlungen für Rechenzentrumsprodukte von bis zu sechs Milliarden US-Dollar. Der Deal eröffnet dem Industriekonzern zusätzliche Geschäftschancen.
- Amazon sichert sich Optionsrechte, 3M hofft auf Rechenzentrumsaufträge
- Der an Zahlungen gekoppelte Warrant ist kein garantierter Auftrag
- Auch QUALCOMM und Generac setzen auf dieses Modell
3M hat am Montag seine Geschäftsbeziehung mit einer Amazon-Tochter ausgeweitet. Im Zuge der Vereinbarung gewährte der Konzern einer weiteren Amazon-Tochter einen Optionsschein (Warrant) auf bis zu 3.162.015 eigene Aktien.
An der Börse kam die Nachricht gut an: Die 3M-Aktie reagierte vorbörslich an der NYSE mit einem Kurssprung um 0,92 Prozent auf 163,50 US-Dollar, während die Amazon-Aktie an der NASDAQ überschaubare 0,19 Prozent auf 261,96 US-Dollar verliert.
Die Eckdaten des Warrants
Wie aus einer Pflichtmitteilung von 3M an die US-Börsenaufsicht SEC (Form 8-K) vom 19. Oktober hervorgeht, hat der Warrant eine Laufzeit von sieben Jahren. Der Ausübungspreis liegt bei 164,89 US-Dollar je Aktie. Die Option umfasst insgesamt bis zu 3.162.015 Aktien, wobei die Bedingungen für den Erwerb der Rechte an diese Zahlungen und weitere Meilensteine geknüpft sind.
85 Prozent der Aktien werden abhängig von Amazons Zahlungen für optische Konnektivität und andere Rechenzentrumsprodukte unverfallbar. Vollständig erreicht ist dieser Anteil erst, wenn die kumulierten Zahlungen 6 Milliarden US-Dollar betragen. Die übrigen 15 Prozent sind an ereignisbasierte Meilensteine gebunden.
Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen Umsatzchance und verbindlichem Auftragsvolumen: Die Schwelle von 6 Milliarden US-Dollar ist keine Kaufzusage, sondern eine Voraussetzung für das Vesting. Der Warrant schafft vielmehr einen zusätzlichen Anreiz für Amazon, Produkte von 3M zu beziehen. Je höher die entsprechenden Zahlungen ausfallen, desto mehr Aktienoptionen werden unverfallbar.
Was 3M und Amazon von dem Deal haben
Für 3M bietet die Vereinbarung die Chance, sich stärker als Lieferant für den Ausbau von Rechenzentren zu etablieren. Der Konzern baut sein Geschäft mit optischer Konnektivität aus und gewinnt mit Amazon einen potenziell wichtigen Großkunden. Gleichzeitig schafft der Warrant einen Anreiz für Amazon, seine Einkäufe bei 3M auszuweiten: Mit jeder zusätzlichen Zahlung rückt das Unternehmen näher an das vollständige Vesting heran. Die Gegenleistung für diese Kundenbindung erfolgt nicht in bar, sondern über ein Bezugsrecht auf eigene Aktien – und ist an tatsächliche Zahlungen gekoppelt.
Amazon wiederum erhält die Möglichkeit, am Erfolg seines Lieferanten zu partizipieren. Liegt die 3M-Aktie bei Ausübung über dem festgelegten Preis von 164,89 US-Dollar, kann Amazon die Papiere unter dem dann geltenden Marktpreis beziehen. Wirtschaftlich kann der Warrant damit wie ein nachträglicher Rabatt auf die Einkäufe wirken. Wie groß dieser Vorteil ausfällt, hängt unter anderem von der Kursentwicklung der 3M-Aktie ab.
Auch bilanziell ist die Konstruktion relevant: Nach US-GAAP werden Gegenleistungen an Kunden in der Regel als Minderung der Umsatzerlöse erfasst, sofern keine Gegenleistung für eine eigenständige Leistung des Kunden vorliegt. Die ausgewiesenen Erlöse aus dem Amazon-Geschäft könnten daher niedriger ausfallen als die tatsächlich geleisteten Zahlungen. Wie 3M den konkreten Warrant bilanziell behandelt, bleibt abzuwarten.
Aktionäre müssen Verwässerung gegen Umsatzchance abwägen
Für die bisherigen 3M-Aktionäre stellt sich damit die Frage, wie die Aussicht auf zusätzliches Geschäft gegen eine mögliche Verwässerung abzuwägen ist. Zum 30. Juni waren laut der Ergebnismitteilung zum zweiten Quartal knapp 516 Millionen Aktien ausstehend. Bei vollständiger Ausübung entspräche der Warrant rund 0,6 Prozent dieser Aktienzahl.
Dem steht der Rückgang der ausstehenden Aktien seit Ende 2025 gegenüber: Damals waren es noch gut 530 Millionen Stück. Dazu trugen Aktienrückkäufe bei. Allein im zweiten Quartal schüttete 3M über Dividenden und Rückkäufe insgesamt 1,4 Milliarden US-Dollar an die Aktionäre aus. Bei vollständiger Ausübung würde der Warrant einen Teil dieses Rückgangs wieder ausgleichen – und zwar gut ein Fünftel der Differenz zwischen den beiden Aktienzahlen.
Die mögliche Verwässerung hängt allerdings davon ab, ob Amazon die Bedingungen des Warrants erfüllt und die Optionen tatsächlich ausübt. Zugleich steigt der wirtschaftliche Wert der Option für Amazon, wenn die 3M-Aktie deutlich über den Ausübungspreis klettert. Für die bestehenden Aktionäre kann das den Verwässerungseffekt entsprechend erhöhen. Die bisherige Prognose von 3M für das bereinigte Ergebnis je Aktie von 8,80 bis 8,95 US-Dollar berücksichtigt den Deal nicht.
Amazon baut ein Netz aus Lieferantenbeteiligungen
Die Vereinbarung mit 3M ist kein Einzelfall. Amazon nutzt ähnliche Konstruktionen bereits bei anderen Zulieferern, um seine Beschaffung im Zuge des KI- und Rechenzentrumsausbaus mit Beteiligungsmöglichkeiten zu verknüpfen.
So gewährte QUALCOMM Amazon laut einer Mitteilung vom 8. September einen Warrant auf bis zu 25 Millionen Aktien. Die Vereinbarung ist an Käufe von Server-Chips gekoppelt. Auch Generac setzte auf dieses Modell: Am 16. September wurde ein Warrant auf knapp 1,7 Millionen Aktien bekannt, der mit Zahlungen für Backup-Generatoren von bis zu 8 Milliarden US-Dollar verknüpft ist.
Für Amazon entsteht dadurch die Möglichkeit, sich an Unternehmen zu beteiligen, deren Produkte für den Ausbau der eigenen Rechenzentrumskapazitäten wichtig sind. Für die Lieferanten wiederum kann der Warrant ein Anreiz sein, das Geschäft mit dem Konzern auszubauen. Allerdings hängt der wirtschaftliche Nutzen für beide Seiten davon ab, ob die vereinbarten Bedingungen tatsächlich erfüllt werden.
Für Amazon-Aktionäre dürfte ein einzelner Deal dieser Größenordnung finanziell kaum ins Gewicht fallen. Zusammengenommen können solche Warrants jedoch ein Portfolio an Optionen bilden, dessen Wert vom selben Investitionszyklus abhängt, den Amazon mit seinen eigenen Ausgaben für Rechenzentren antreibt.
Was die Meldung für 3M-Anleger bedeutet
Für das Geschäftsjahr 2026 ergibt sich aus der Vereinbarung zunächst keine automatische Änderung der Prognose. Der Kursanstieg zeigt vielmehr, dass der Markt auf zusätzliches Geschäft mit Amazon hofft. Ob sich diese Erwartung erfüllt, hängt davon ab, wie stark der Konzern seine Bestellungen bei 3M ausweitet.
Anleger müssen das Umsatzpotenzial gegen die mögliche Verwässerung und die bilanziellen Auswirkungen abwägen. Entscheidend ist, ob aus dem Deal dauerhaft zusätzliches Geschäft entsteht und ob dessen wirtschaftlicher Nutzen die Ausgabe neuer Aktien rechtfertigt. Bleiben die Bestellungen hinter den Erwartungen zurück, könnte sich die positive Kursreaktion als verfrüht erweisen.
3M erhöht erneut Gewinnziel
Der US-Mischkonzern 3M profitiert derweil immer mehr von seinem Umbau. Im dritten Quartal zogen die Ergebnisse bei einem leichten Umsatzplus an. Konzernchef William Brown hob sein Gewinnziel für das laufende Jahr erneut an. Für 2026 werde nun ein bereinigter Gewinn je Aktie zwischen 9,10 und 9,15 US-Dollar anvisiert, teilte 3M am Mittwoch in St. Paul mit. Zuletzt hatten die Amerikaner noch 8,80 bis 8,95 Dollar in ihrer Planung.
Im dritten Jahresviertel stieg der bereinigte Gewinn je Aktie um 12 Prozent auf 2,50 Dollar je Aktie. Analysten hatten hier weniger erwartet. Der Umsatz kletterte um gut ein Prozent auf knapp 6,6 Milliarden Dollar (5,87 Mrd Euro). Organisch betrug das Plus 3,3 Prozent. Unter dem Strich entfiel auf die Aktionäre ein Gewinn von 1,37 Milliarden Dollar, ein Plus von fast 65 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Konzernchef William Brown arbeitet an einer vereinfachten Geschäftsstruktur und treibt dazu den Rückzug von 3M aus Nicht-Kerngeschäften voran. Gleichzeitig will der Hersteller von Post-it-Notizblöcken, Dachgranulat und elektronischen Materialien sein Angebot mit neuen Produkten vor allem in Wachstumsbranchen wie Rechenzentren stärken.
Claudia Stephan, Benedict Kurschat, Thomas Zoller, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.